Ja, Gestalttherapie wirkt bei psychischen Erkrankungen
Immer wieder taucht die Frage auf, ob man mit Gestalttherapie Depressionen, Ängste oder Traumata behandeln kann. Die Antwort ist klar: Ja. Gestalttherapie wird unter anderem bei Angststörungen, Depressionen, psychosomatischen Beschwerden, Zwängen, Essstörungen, Suchterkrankungen und den Folgen belastender oder traumatischer Erfahrungen eingesetzt.
Und doch würde eine Gestalttherapeutin wahrscheinlich einen überraschenden Satz sagen: Wir behandeln nicht die Depression. Wir begleiten einen Menschen, der unter einer Depression leidet. Das klingt nach einer sprachlichen Kleinigkeit – beschreibt aber eine völlig andere therapeutische Haltung.
Dieselbe Diagnose, drei ganz unterschiedliche Menschen
Zwei Menschen mit derselben Diagnose können vollkommen unterschiedlich leiden. Der eine zieht sich zurück und verliert jede Hoffnung. Der andere funktioniert nach außen scheinbar problemlos und bricht erst abends zu Hause zusammen. Ein Dritter erlebt vor allem seinen Körper – Schlafstörungen, Erschöpfung, Schmerzen.
Deshalb interessiert in der Gestalttherapie nicht nur die Frage, welche Erkrankung vorliegt, sondern vor allem: Wie erlebt dieser Mensch sein Leben?
Kontaktunterbrechung – wenn der Zugang zu sich selbst verloren geht
„Verlieren Sie Ihren Verstand und kommen Sie zu den Sinnen." – Fritz Perls
Gemeint ist damit, wieder in Kontakt mit dem eigenen Erleben zu kommen – denn genau dieser Kontakt ist bei vielen psychischen Erkrankungen gestört. In der Gestalttherapie sprechen wir von Kontaktunterbrechung.
Ein Beispiel: Ein Mann kommt nach einem langen Arbeitstag nach Hause, sein Chef hat ihn vor Kollegen bloßgestellt. Eigentlich ist er wütend. Doch schon als Kind hat er gelernt: Sei brav, widersprich nicht, zeig keine Wut. Also schluckt er den Ärger runter. Die Wut verschwindet aber nicht – sie richtet sich gegen ihn selbst: schlechter Schlaf, Grübeln, Magenschmerzen. In der Gestalttherapie nennen wir dieses Muster Retroflektion: Energie, die eigentlich nach außen gerichtet wäre, wird gegen die eigene Person gelenkt.
Eine Gestalttherapeutin würde einem solchen Menschen nicht einfach sagen „Werden Sie eben wütend." Stattdessen wird verstanden, wie das Muster entstanden ist – es hat früher einmal geschützt. Heute verhindert es vielleicht, angemessen für sich einzustehen.
Der Mensch hinter der Diagnose
Die Gestalttherapie fragt nicht zuerst „Was stimmt mit diesem Menschen nicht?" Sie fragt: Was ist diesem Menschen widerfahren – und was braucht er heute, damit er wieder gut in Kontakt mit sich selbst und seinem Leben kommt? Diese Sichtweise verändert den gesamten therapeutischen Prozess: Der Mensch wird nicht auf seine Diagnose reduziert, sondern als ganze Persönlichkeit wahrgenommen.
Das knüpft an Carl Rogers' Grundgedanken der Aktualisierungstendenz an: Der Mensch besitzt die Fähigkeit und die Tendenz, sich weiterzuentwickeln, wenn ein förderliches Klima geschaffen wird.
In der Ausbildung lernst Du, dieses Klima zu gestalten – psychische Erkrankungen zu verstehen und verantwortungsvoll einzuordnen, therapeutische Prozesse sicher zu begleiten und vor allem: den Menschen hinter der Diagnose zu begegnen. Manchmal beginnt genau dort die eigentliche Veränderung – in dem Moment, in dem ein Mensch zum ersten Mal erlebt: Hier sieht mich jemand. Nicht nur meine Angst, nicht nur meine Diagnose – mich als Mensch.
Mehr erfahren
Wenn Dich diese Haltung anspricht, findest Du auf unserer Ausbildungsseite alle Informationen zur zweijährigen Ausbildung in integrativer Gestalttherapie – oder Du lernst sie beim Schnupperabend am 20.07 direkt kennen. Integrative Gestalttherapie
Passende Artikel
Weitere Artikel
Themen